Unser Schatten ist Gold

Wenn C.G.Jung einmal sagte, dass der Schatten zu 90% aus reinem Gold besteht, dann meinte er zum einen, dass wir mit der dauernden Abwehr unseres Schattens einen Großteil unserer seelischen Energie verbrauchen, die wir für unsere Kreativität und Lebendigkeit viel besser verwenden könnten. Zum anderen, dass wir auch sehr viele Seiten in den Schattenbereich verdrängt haben, die kostbar und positiv sind, die uns aber in unserer Kindheit als schlecht, unverschämt und sündig dargestellt und mit negativen Aussagen verbunden wurden.

Dazu gehören beispielsweise Neugier und Kreativität, („Sei doch nicht so neugierg!“, „Du mit Deinen verrückten Einfällen“), Eigenständigkeit („Du Dickkopf“), Selbstbehauptung („Sei doch nicht so egoistisch“), Spontanität („Kannst Du dich nicht beherrschen?“), Phantasie („Sei doch nicht so ein Träumer!“) oder Sexualität („Männer denken doch immer nur an das Eine!“).

Unser Schatten steht dabei in einem direkten Verhältnis zur Persona und unseren Ideal-Vorstellungen: Je mehr wir versuchen, uns einseitig nach gesellschaftlichen oder religiösen Vollkommenheitsmaßstäben zu orientieren, desto dunkler und bedrohlicher kann unser Schatten sein. Menschen, welche stark mit festgelegten Rollen und Formen und einer fassadenhaften Persona identifiziert sind, die wenig von ihrer wirklichen Persönlichkeit und ihrer menschlichen Ganzheit zum Ausdruck kommen lassen, müssen häufig in ganz besonderem Maße die vielen anderen, zur Rolle nicht passenden Seiten in ihr Unbewusstes, in den „Schattenbereich“ drängen und ängstlich darauf bedacht sein, sie nicht zum Vorschein kommen zu lassen.

Aus dieser starken Angst vor unseren Schattenseiten kann sich ein unheilvolles psychodynamisches Geschehen aufschaukeln. Gerade durch die „Verteufelung“ können uns normale, allgemeinmenschliche und harmlose Seiten unserer Persönlichkeit wie blutrünstige Monster erscheinen. Und je mehr wir ein solches blutrünstiges Monster in uns lauern spüren, desto größer wird unsere Anspannung und unsere Angst.
Wir haben Angst vor unseren eigenen Untiefen, und wir haben Angst, dass uns andere Menschen entlarven könnten, dass sie diese Monster in uns entdecken könnten. Diese dauernde Angst vor Entlarvung, davor, dass jemand unsere andere, vermeintlich teuflische Seite sehen könnte, macht uns misstrauisch, und wir bemühen uns, eine umso stabilere, „scheinheilige“ Fassade aufrechtzuerhalten, welche wiederum unsere Schattenseiten wachsen läßt.

„Ich kann niemanden lieben , wenn ich mich selbst hasse. Das ist der Grund, weshalb man sich so ausgesprochen unwohl fühlt in der Gegenwart von Menschen , die durch besondere Tugenhaftigkeit ausgezeichnet sind, weil sie nämlich eine Atmosphäre der Qual ausstrahlen, die sie sich selber antun.“ (Jung, zit. nach Jacobi, 1970, S. 242)

Das „Böse in uns“ ist oft gar nicht das, was wir an negativen Seiten verteufeln, sondern es ist die Gewalttätigkeit, mit der wir uns selbst demütigen, quälen und verletzen, indem wir diese Seiten in uns abwerten und uns dafür verachten und bestrafen. Schließlich wendet er sich gegen uns und fällt uns „von hinten her“ an. Weite Bereiche der eigenen Persönlichkeit werden dann, weil sie nicht als dazugehörend akzeptiert werden, zum inneren oder, projiziert, zum äußeren Feind, der bis aufs Äußerste bekämpft werden muss.

Jion
Born in Transnistria (U.D.S.S.R) Former Zen(Rinzai)-Monk (in Eigenji and Sogenji-Japan, Psycho-spiritual Counselor, Zen-Meditation-Master (Ikkyu Zen Dojo) , Singer, Improvisation-Dancer, Hospice-Counsellor, Children Counsellor, Writer.